Vom Satteldruck zur reiterlichen Kompetenz

Zwei Jahrzehnte Forschung für das Wohl des Pferdes

Seit zwei Jahrzehnten setzen sich die Stiftung Pro Pferd und ihre Vorgängerin

Forschung für das Pferd mit wissenschaftlichen Projekten zum Wohl des Pferdes ein.

Der Erfolg der Forschung mit starkem Praxisbezug zeigt sich exemplarisch am

Beispiel der Satteldruckmessungen. Das neuartige Verfahren in der Diagnostik führte

zu einer ganzen Reihe von weiteren Projekten zur Interaktion zwischen Pferd

und Reiterin oder Reiter.


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Am Anfang stand eine Frage. «Hans-Dieter Vontobel wollte wissen, wie sich die Losgelassenheit beim Pferd wissenschaftlich messen lasse», erinnert sich Brigitte von Rechenberg, die Leiterin des wissenschaftlichen Beirats der Stiftung Pro Pferd. Das war 1999, als die Stiftung unter dem Namen Forschung für das Pferd gegründet wurde und das erste grosse Projekt darin bestand, die Erweiterung und Modernisierung der klinischen Möglichkeiten am Tierspital Zürich zu finanzieren. Ein Laufband mit Messsystem zur Beurteilung von Lahmheiten wurde ebenso ermöglicht wie das europaweit erste Aufwachbecken für Pferde – und dank der Frage des Stiftungspräsidenten Hans-Dieter Vontobel wurden elektronische Satteldecken zur Messung der Druckbelastung auf dem Pferderücken angeschafft. Damit machte Brigitte

von Rechenberg die ersten Satteldruckmessungen, die nunmehr seit zwei Jahrzehnten

fundierte Daten und Erkenntnisse zur Interaktion zwischen Tier und Mensch liefern und helfen, die Schnittstelle zwischen dem komplexen System Pferd und Reiterin oder Reiter besser zu verstehen.


Grosses Herz für Pferde

«Mit allen Projekten versuchen wir einen wissenschaftlich fundierten Beitrag zu leisten zum besseren Verständnis des Pferdes, seiner Bedürfnisse und Grenzen. Durch Forschungsergebnisse und die zielgerichtete Kommunikation dieser Resultate an Tierärzte, Pferdebesitzer, Ausrüster, Reitlehrer und Veranstalter wollen wir erreichen, dass es den Pferden besser geht», summierte Hans-Dieter Vontobel damals in den Anfängen der Stiftung und ergänzte: «Ich denke, dass unsere Pferde mit mir einig gehen würden, wenn ich die Überzeugung vertrete, dass ihnen mehr gedient ist mit einer Unterstützung unserer Stiftung als mit einer beeindruckenden Stalleinrichtung oder gar einem Extrasack Pferdeleckerli. Die Ignoranz ist ein schlimmer Feind unserer Pferde. Wir haben heute moderne technische Untersuchungsverfahren und Hilfsmittel, um das Nichtwissen schrittweise und interdisziplinär aufzuhellen und in wissenschaftlich akzeptierte Erkenntnisse überzuleiten. Dafür brauchen wir Geld. Dieses Geld suchen wir in

erster Linie bei jenen, die Pferde lieben und etwas für sie tun wollen. Dies sind nicht nur jene wenigen mit klingendem Namen in der Pferdeszene und einem grossen Portemonnaie, sondern jene vielen mit einem grossen Herz für die Pferde.»


Ein grosses Herz für Pferde haben tatsächlich viele! Das zeigt einerseits der Blick in die Projekte der Stiftung Pro Pferd. Allein in den letzten 15 Jahren sind über 52 Projekte zum Wohle des Pferdes im Wert von rund 2,8 Millionen Franken finanziert worden. Andererseits hat die anfängliche Satteldruckmessung zu breiter Forschung geführt. Sie befasst sich nicht mehr allein mit dem Sattel, dem Feststellen und Vermeiden von Druckstellen durch individuelle Passform. Vielmehr geht sie der Frage nach, welche Kräfte es in der Interaktion zwischen Pferd und Reiterin oder Reiter überhaupt gibt und welche Ursachen und Wirkung sie haben. Daraus entstand die Forderung, die vermuteten Zusammenhänge von Rückenschmerzen des Pferdes und den intervenierenden Variablen Sattel, Reiterin/Reiter und Reitstil erstmals wissenschaftlich und systematisch zu untersuchen. In der 2015 lancierten Übersichtsstudie zur Rückengesundheit der Schweizer Reitpferdepopulation wurde dies von Prof. Dr. Michael Weishaupt und Dr. Selma Latif gemacht. Die Resonanz auf diese wissenschaftliche Arbeit war beeindruckend. Schweizweit nahmen Reiterinnen und Reiter an der Studie teil, um die Interaktion mit dem eigenen Pferd auf dem wissenschaftlichen Prüfstand untersuchen zu lassen.


Dabei zeigte sich freilich, dass allein ein grosses Herz für Pferde nicht genügt. Für dessen Wohlbefinden sind auch reiterliche Kompetenz und Fitness von Belang. In diesem Bereich aber deckte die Studie Defizite auf. Die Übereinstimmung von subjektiver Einschätzung und objektiver Betrachtung war gering. Reiterinnen und Reiter beurteilten die eigene reiterliche Kompetenz besser als dies Richterinnen und Richter mit ihren Noten taten. Zudem zeigten die Untersuchungen, dass die reiterliche Fitness weit wichtiger ist als es viele wahrhaben wollen. Ausdauer, Beweglichkeit, Kraft und Reaktionsfähigkeit stehen in direktem Zusammenhang mit der reiterlichen Leistung. Je besser diese Eigenschaften bei Reiterin und Reiter sind, desto besser ist auch die reiterliche Performance. Diese Divergenz zwischen subjektiver Einschätzung und objektiver Feststellung veranlasste Weishaupt und Latif zu weitergehenden Studien.

So gingen sie im 2016 gestarteten Projekt «Reiterliche Gesundheit des Pferdes» der

überaus spannenden Frage nach, wie gross die Fähigkeit von Pferdebesitzerinnen

und Pferdebesitzern überhaupt ist, ein Problem wie beispielsweise eine Lahmheit beim eigenen Pferd zuverlässig zu erkennen.


Wechselwirkung zwischen Forschung und Praxis

Dabei kam die bereits 1999 von Hans-Dieter Vontobel erwähnte Ignoranz wieder ins Spiel.

Denn Lücken im eigenen Wissen zu schliessen und falsches Verhalten zu vermeiden ist in Wechselwirkung mit praxisnaher Arbeit nach wie vor ein wichtiger Punkt der wissenschaftlich basierten Forschung. In Bezug auf das Pferd versucht diese deshalb aufzuzeigen, wie die unterschiedlichen Systeme von Tier und Mensch optimal funktionieren, wie sie sich gegenseitig beeinflussen und wie kleinste Anzeichen

möglicher Störfaktoren frühzeitig zu erkennen sind. Dabei steckt die Forschung

gewissermassen das weite Feld der Interaktion zwischen Pferd und Mensch allgemeingültig ab und gibt die Rahmenbedingungen vor, in denen sich individuelle Ausprägungen in der Praxis entfalten können. Speziell bei den Satteldruckmessungen

konnte diese Wechselwirkung geradezu exemplarisch gezeigt werden: Hier die langjährige Erfahrung in der Satteldruckmessung, da die gute Zusammenarbeit mit Tierärzten, Sattlern und Ausbildnern. Das führte in der Behandlung von Pferden mit Sattel- und Rückenproblemen zu gezieltem und nachhaltigem Erfolg. Auch wenn es weiterhin eine Herausforderung bleibt, beim Pferd die Ursache eines Problems

zu eruieren.

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