
Wie Impfungen und integrierter Insektenschutz
gegen neue Krankheiten helfen
Pro Pferd Webinar vom 25. Juni 2026
Passender hätten die Voraussetzungen für das Einstiegsreferat des Webinars «Alarm Pferdekrankheiten» kaum sein können: Während Julia van Spijk, Oberärztin an der Zürcher Pferdeklinik, darüber sprach, welche Infektionskrankheiten unsere Pferde infolge des Klimawandels künftig häufiger bedrohen könnten, herrschten draussen drückende 30 Grad.
Von Muriel Willi
Dass das von der Stiftung Pro Pferd und der HAFL Zollikofen organisierte Webinar zum Thema «Alarm Pferdekrankheiten» auf grosses Interesse stiess, zeigte sich am Donnerstag 25. Juni an der trotz Hitze beachtlichen Teilnehmerzahl. Bevor Julia van Spijk mit ihrem Eröffnungsreferat begann, durfte Patrick Zurbuchen, der Geschäftsführer der Stiftung Pro Pferd, über 60 Interessierte zum Onlineevent begrüssen.
Infektionskrankheiten auf Expansionskurs
«Der Temperaturanstieg bringt zahlreiche indirekte Auswirkungen auf Mensch und Tier mit sich: Neben einer Zunahme von Allergien und einer erhöhten Antibiotikaresistenz treten in unseren Breitengraden vermehrt neue, von Insekten übertragene Infektionskrankheiten auf», erklärte Tierärztin van Spijk. Besonders Zecken profitieren von den wärmeren Temperaturen: Ihre Aktivität dauert länger an, und auch tropische Arten fühlen sich zunehmend in unseren Regionen wohl. Die durch Zecken übertragene Piroplasmose war bisher vor allem in Südeuropa verbreitet, inzwischen werden jedoch auch in der Schweiz vermehrt Fälle registriert. Ähnliche Symptome (Fieber, Leistungsschwäche und Blutarmut) verursacht die Anaplasmose. Sie tritt häufiger auf als die Piroplasmose, bedarf jedoch meist keiner Behandlung, wie Julia van Spijk erläuterte.
Weiter erklärte die Fachfrau, dass auch das FSME-Virus durch Zecken übertragen wird. Es kann neurologische Störungen verursachen. Rund 30 Prozent der Schweizer Pferdepopulation hatten bereits Kontakt mit dem Erreger, Krankheitsausbrüche bleiben jedoch selten. Ähnlich verhält es sich mit der Borreliose: Viele Pferde kommen mit dem Erreger in Kontakt, tatsächlich erkranken aber nur wenige. Auf die Frage aus dem Publikum, wie sich Pferde am besten vor Zecken schützen lassen, empfahl Julia van Spijk, weniger auf häufiges Einsprühen mit Repellents zu setzen, als vielmehr waldige Weiden mit hohem Gras zu meiden. Auch Mücken können gefährliche Krankheiten übertragen. Zwei davon stellte die Pferdeärztin näher vor: Das West-Nil-Virus verursacht neurologische Ausfälle und endet bei rund 30 Prozent der Erkrankungen tödlich. Das durch Vögel verbreitete Virus ist in unseren Nachbarländern bereits etabliert, und im Tessin wurden erste infizierte Mücken nachgewiesen.
Noch nicht in Europa angekommen ist die Afrikanische Pferdepest. Sie verläuft äusserst dramatisch und endet bei bis zu 95 Prozent der erkrankten Pferde tödlich. «Die Zeiten ändern sich. Eine Studie stuft das Risiko eines Ausbruchs in Europa als wahrscheinlich ein», gab Julia van Spijk abschliessend zu bedenken.
Impfungen als wichtige Vorsorge
Gegen die Afrikanische Pferdepest sind in der Schweiz keine Impfstoffe zugelassen. Anders verhält es sich beim West-Nil-Fieber: Hier stehen zwei Impfstoffe zur Verfügung. Bei Reisen ins Tessin oder in unsere Nachbarländer empfiehlt Franziska Remy-Wohlfender deren Einsatz ausdrücklich. Die Pferdeärztin mit eigener Praxis erläuterte im zweiten Referat des Abends gegen welche Krankheiten Pferde geimpft werden können und sollten. «Am wichtigsten ist die Impfung gegen Wundstarrkrampf, da Equiden sehr empfänglich für Tetanus sind und die Krankheit eine hohe Sterblichkeit aufweist», betonte sie. Mit Julia van Spijk betreut Franziska Remy-Wohlfender «Equinella», die nationale Meldeplattform für Pferdekrankheiten.
Auch die Influenza-Impfung empfiehlt Remy-Wohlfender für alle Pferde – insbesondere, da Europa derzeit einen Influenzaausbruch erlebt. Das Equine Herpesvirus tragen rund 80 Prozent aller Pferde in sich. Unter Stress kann das Virus reaktiviert werden. Obwohl die Impfung einen Ausbruch nicht vollständig verhindert, trägt sie wesentlich zum Schutz der gesamten Pferdepopulation bei. Gegen Botulismus sollten insbesondere Pferde geimpft werden, die Silage erhalten. Auslöser der Krankheit können mit einsilierte Tierkadaver sein. Das von den Bakterien produzierte Gift greift die Nervenzellen an, führt zu Lähmungen und endet häufig tödlich. Auf die Frage, ob bei älteren Pferden auf regelmässige Auffrischungsimpfungen verzichtet werden könne, antwortete Franziska Remy-Wohlfender klar: «Der Impfschutz sollte bis ans Lebensende regelmässig aufgefrischt werden – bei Influenza jährlich, bei Tetanus etwa alle drei Jahre.» Sie wies zudem darauf hin, dass Impfungen nicht nur die Gesundheit der Tiere schützen, sondern auch wirtschaftliche Schäden, Nutzungseinschränkungen, Imageschäden und Reglementsänderungen infolge von Krankheitsausbrüchen verhindern können.
Effektiver Insektenschutz
Dass Insekten gefährliche Krankheiten übertragen können, hatten die Teilnehmenden bereits erfahren. Im abschliessenden Referat zeigte Conny Herholz, Professorin für Pferdewissenschaften an der HAFL, welche Massnahmen tatsächlich wirksam sind. «Das Zauberwort heisst integrierter Insektenschutz – also die Kombination aus chemischen, biologischen und mechanischen Massnahmen», erklärte sie.
Bei Repellents gilt der Wirkstoff DEET nach aktuellem Forschungsstand als Goldstandard. Studien hätten seine hohe Wirksamkeit bestätigt. Bedenken von Webinarteilnehmenden hinsichtlich möglicher Hautreizungen konnte Conny Herholz entkräften: In handelsüblichen Konzentrationen verursache DEET in der Regel keine Irritationen und schütze bis zu sechs Stunden lang. Knoblauch oder ätherische Öle hingegen zeigten keine nachweisbare Schutzwirkung. Auch Essig schneide als Fliegenabwehrmittel ähnlich schlecht ab, beantwortete sie eine Frage aus dem Publikum.
Als biologische Massnahme stellte die HAFL-Professorin Schlupfwespen vor, die den Fliegendruck im Stall reduzieren können. Ebenfalls als wirksam erwiesen sich Blaulichtfallen. Gross angelegte Studien belegten zudem den Nutzen von Ventilatoren und Fliegennetzen. Die Ventilatoren sollten allerdings nicht direkt auf die Pferde gerichtet werden, beantwortete Conny Herholz eine entsprechende Publikumsfrage. Zum integrierten Insektenmanagement gehöre ausserdem, Wassertröge nicht zu Brutstätten für Mücken werden zu lassen und feuchte Stellen auf Weiden mit Kies zu befestigen.
Um 21 Uhr endete ein Webinar, mit dem die Stiftung Pro Pferd ihren Anspruch einmal mehr vollauf erfüllte, wissenschaftliche Erkenntnisse rund ums Pferd einem breiten Publikum verständlich zu vermitteln. Mit zahlreichen praxisnahen Informationen und konkreten Tipps konnten die Teilnehmenden ihren Laptop zuklappen.
