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«Die Zuwendung über Futter
ersetzt nicht die Bewegung»

Während des Herbstseminars schauen Besitzerinnen und Besitzer in den Futtertrog ihrer Pferde, danach schaut die Stute Lucy, auf den Tisch, wo der Apéro riche serviert wurde.   

Am Herbstseminar 2026 der Stiftung Pro Pferd wagten 80 interessierte Personen am 24. Oktober im grossen Demonstrationshörsaal des Tierspitals Zürich einen vertieften Blick in den Futtertrog der Pferde. Kraftfutter und Futterzusätze bestimmen oftmals den Menüplan, auf dem kontinuierliche Raufutteraufnahme eigentlich ausreichend wäre. Denn zu viel Energie und zu wenig Bewegung begünstigen Übergewicht, das beim Pferd ganz gravierende Folgen haben kann.

​​Im finalen Vortrag des Herbstseminars 2026 der Stiftung Pro Pferd gab Dr. med. vet. Brigitta Wichert den Zuhörerinnen und Zuhörern eine klare Message mit auf den Nachhauseweg: «Die Zuwendung über Futter ersetzt nicht die Bewegung», sagte die wissenschaftliche Mitarbeiterin am Institut für Tierernährung und Diätetik an der Vetsuisse-Fakultät der Universität Zürich in ihrer vertieften Betrachtung zur Fragestellung, was ein Pferd braucht und was nicht.

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Mit Blick auf das Übergewicht bei Pferden stellte Wichert fest, dass ein «Goodie» hier oder ein «Leckerli» dort zwar gut gemeint seien, dem Pferd aber nicht zwingend guttun würden. Denn der Griff in das breite Angebot von Belohnungssnacks sei primär aus Sicht der Besitzerinnen und Besitzer einfach und richtig. «Doch für das Pferd ist jede Minute Beschäftigung mit Rauhfutteraufnahme besser als jedes Gramm Kraftfutter», wendete Wichert ein und plädierte für die Abgabe von Heu statt Futterzusätzen und betonte ebenso die Bedeutung intensiver Bewegung. «Eine Stunde im Schritt ausreiten ist noch keine Arbeit.»

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Ihre Aussagen veranschaulichte Wichert mit Zahlen. Aus einem Kilo Heu kann der Verdauungstrakt des Pferdes zirka 7 Megajoule (MJ) verdauliche Energie aufnehmen und verwerten, bei der gleichen Menge Stroh sind es etwa 5 Megajoule. Im Vergleich damit liegen die Zahlen beim Fertigmash bei 11 und beim «light Müsli» bei 10 Megajoule. In Relation zur Zeit bedeutet dies, dass die Energiezufuhr nur unwesentlich höher ist, wenn ein Pferd innert Minuten ein Müesli wegputzt, statt über eine Stunde am Heu zu kauen.

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Heu ist nicht gleich Heu

Dass Heu freilich nicht gleich Heu ist, veranschaulichte Jan Kocher, wissenschaftlicher Mitarbeiter Pferdewissenschaften BFH-HAFL. Der Bachelor of Science in Agronomie führte anhand einer Studie zur hygienischen Qualität von Heu in Theorie und Praxis aus, dass die Art der Heuproduktion (intensiv bewirtschaftetes Grasland oder ökologisch extensiv bewirtschaftetes Grasland) als auch die Trocknungsmethode (auf dem Feld getrocknet vs. in der Scheune getrocknet) entscheidender Faktor sein kann für die Freisetzung von Staub und Mikroorganismen in der Luft. In der thematisierten Stichprobe führte die Kombination aus intensiv bewirtschaftetem Grasland und Scheunentrocknung zu einer deutlich verbesserten hygienischen Qualität mit geringer Staub- und Keimbelastung.

Während die Trocknungsmethode allein nur einen begrenzten Einfluss auf die Feinstaub-Konzentration hatte, führte eine intensive Grünlandbewirtschaftung in Kombination mit der Trocknung im Stall durchgehend zu einer Verringerung der Staubbelastung und der Exposition gegenüber Mikroorganismen. Die Auswahl eines solchen Heus könnte die Belastung der Stallluft mit luftgetragenen Schadstoffen reduzieren und sollte daher bei präventiven und therapeutischen Massnahmen zur Förderung der Atemwegsgesundheit von Pferden berücksichtigt werden. Kocher betonte aber auch, dass eine geringe Staubentwicklung kein verlässlicher Indikator für eine gute hygienische Qualität von Heu sei und umgekehrt.

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Sonia Holzer, in Zollikofen ebenfalls wissenschaftliche Mitarbeiterin an der Berner Fachhochschule für Agrar-, Forst- und Lebensmittelwissenschaften, fragte derweil die Pferdebesitzerinnen und Pferdebesitzer im Auditorium, ob sie den Heugeschmack ihrer Pferde kennen. Diesen hatte sie in einer Studie bei Isländern, Freibergern und Warmblütern untersucht und dabei deutliche Präferenzen festgestellt. In einer Versuchsreihe mit drei verschiedenen Arten von Heu wählte keines der Pferde die Variante A. Die Freiberger frassen ausnahmslos nur Variante B, wogegen sich Isländer und Warmblüter in etwa hälftig für Variante B und C entschieden. Dies korrespondierte nicht mit der Meinung der Besitzerinnen und Besitzer der Pferde, die das Heu einschätzen und folgendermassen beschrieben:

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A (UFA 330 gemäht am 05.06.19): gelblich, ähnlich wie Stroh, schwacher Geruch,
B (UFA 430 gemäht am 08.05.19): grün, weich, flexibel und intensiv aromatisch,
C (Naturwiese gemäht am 01.06.19): grün, feine Stängel, botanische Vielfalt, ausgeprägter aromatischer Geruch.

 

Die Hälfte der Freiberger-Besitzer glaubte, dass Variante A am besten für ihre Pferde sei, 25 Prozent entschieden sich für Variante C. Somit vermochte bloss ein Viertel der Besitzer das Heu zu bestimmen, das ihre Freiberger tatsächlich auch wählten. Bei den Besitzern der Halbblüter tippten 42 Prozent auf die Variante A, die ihre Pferde aber nicht wählten. Die Besitzer der Isländer dagegen lagen mit ihrer je hälftigen Wahl der Varianten B und C genau richtig und spiegelten damit die Vorliebe ihrer Pferde.

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Weshalb aber entschieden sich die Pferde für die eine und gegen die andere Variante von Heu? Die Präferenzanalyse zeigte, dass Pferde energie- und proteinreicheres Heu bevorzugen, bedingt durch Geschmack wie Geruch und unabhängig ihres tatsächlichen Bedarfs. In Bezug auf Rohprotein und verdaulicher Energie waren es vor allem die Freiberger, die deutlich mehr konsumierten als sie eigentlich benötigten. Die höchste Nährstoffdichte (Energie und Protein) findet sich im Heu des ersten Schnitts, der früher für gewöhnlich Anfang bis Mitte Blüte stattfand. Heutzutage wird der erste Schmitt meist erst nach Ende der Blüte gemacht, was zu strukturreicherem Futter mit höherem Rohfasergehalt führt. Dies ist besonders bei extensiv genutzten Ökowiesen (Biodiversitätsförderflächen) der Fall, die frühestens ab Mitte Juni geschnitten werden dürfen.

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Fettgewebe hormonell aktiv

Übersteigt die Energieaufnahme den tatsächlichen Energieverbrauch oder liegt eine genetische Prädisposition vor, lagert das Pferd – wie auch der Mensch – überschüssige Kalorien als Fettpolster an. Beim Pferd ist das vor allem am Mähnenkamm, an der Schulter im Bereich des Schweifes oder an der Flanke zu sehen. Problematisch ist dabei nicht das zusätzliche Gewicht, sondern das Fettgewebe, das hormonell aktiv und entzündgungsfördernd ist, wie Dr. med. vet. Nathalie Fouché von der ISME Pferdeklinik Bern in ihrem Vortrag zu den Folgen von Übergewicht beim Pferd ausführte. Dies kann zu einer Insulin Dysregulation führen, zu einer Störung des Zucker- und Insulinstoffwechsels. Das geht so: Die Hormone aus den entzündungsaktiven Fettpolstern wirken blockierend, so dass der Zucker aus der Nahrung im Blutkreislauf gefangen bleibt und nicht mehr in die Zellen transportiert werden kann. So bleibt der Blutzuckerspiegel hoch, das Gehirn registriert einen Energiemangel und signalisiert der Bauspeicheldrüse noch mehr Insulin auszuschütten, was durch eine überschiessende Reaktion auf Zucker durch Hormone im Darm zusätzlich verstärkt werden kann.

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Eine Folge eines chronisch hohen Insulinspiegel ist die Hufrehe, eine hochgradig schmerzhafte, aseptische (bakterienfrei) Entzündung der Huflederhaut. Denn das im Blut schwimmende Insulin stimuliert die Lamellen, die das Hufbein wie mit einem Klettverschluss an der inneren Hornkapsel aufhängen. Die Lamellen verlängern und lockern sich, der Klettverschluss verliert seine Tragfähigkeit. So drückt das Körpergewicht das Hufbein und das Pferd nach unten (Hufbeinsenkung), während die tiefe Beugesehne die Hinterseite des Hufbeins nach oben zieht, was zur Hufbeindrehung führt. Schmerzlinderung und Entzündungshemmung sind die ersten Massnahmen bei Hufrehe, Futterentzug um den Zuckergehalt zu senken und Boxenruhe zählen ebenso dazu.

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Finaler Blick auf den Apéro-Tisch

Der vertiefte Blick in den Futtertrog der Pferde hat eindrücklich aufgezeigt, dass Übergewicht beim Pferd ein ernst zu nehmendes Gesundheitsproblem ist, wie die Meinung von Besitzerinnen und Besitzer über gutes Heu von der Präferenz ihrer Pferde abweichen, wie die Produktion von Heu Einfluss auf die Luftbelastung und damit das Wohlergehen der Pferde haben kann. Und immer ist auch zu hinterfragen, ob ein gut gemeintes «Goodie» mehr dem Pferd oder doch eher dem eigenen Empfinden schmeichelt. Das alles bot genügend Gesprächsstoff, um das Herbstseminar der Stiftung Pro Pferd am Apéro riche in regen Diskussionen abzuschliessen und sich bereits auf das nächste Jahr zu freuen: auf das Herbstseminar vom Samstag 30. Oktober 2027.

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Nicht in den eigenen Futtertrog schaute letztlich aber Lucy. Sie inspizierte vielmehr neugierig den Apéro-Tisch. Wer weiss, vielleicht hat sich die Fuchsstute ja gefragt, welche Folgen das üppige Menü auf das Wohlbefinden der Teilnehmerinnen und Teilnehmer des Herbstseminars haben kann. 

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