Wissenswertes aus der Wissenschaft

Das erste Webinar von Pro Pferd kratzt nicht nur an der Oberfläche

Das Bild aus dem Vortag "Neue Behandlungsmöglichkeiten des Sommerekzems beim Pferd" von Professorin Eliane Marti fasst das erste Webinar von Pro Pferd optisch gut zusammen. Denn gestern Dienstagabend wurde nicht nur an der Oberfläche gekratzt, sondern ausführlich, kompetent und unterhaltend erklärt, womit sich die Wissenschaft rund ums Pferd aktuell beschäftigt. Aus dem breiten Spektrum wählte Professor Anton Fürst drei Themen, die für ihn als Direktor der Klinik für Pferdechirurgie an der Vetsuisse-Fakultät der Universität Zürich wie als Pferdebesitzer wichtig sind: EOTRH, Sehnenerkrankungen und wie erwähnt Sommerekzem. Sowohl bezüglich EOTRH wie Sommerekzem wird im Rahmen von Projekten geforscht, die von der Stiftung und dem Verein Pro Pferd unterstützt werden und in der praxisbezogenen Umsetzung direkt dem Pferd zugutekommen.


EOTRH ist die Abkürzung für die englische Bezeichnung Equine Odontoclastic Tooth Resorption and Hypercementosis. Und weil die deutsche Übersetzung kaum verständlicher ist, holte Natalie Bearth erst einmal etwas aus. Sie befasst sich an der Pferdeklinik der Universität Zürich mit zahnabbauenden Zellen, auf die das Pferd mit einer übermässigen Produktion von Zahnzement reagiert. Für uns Pferdebesitzerinnen und Reiter ist das vor rund 15 Jahren erstmals beschriebene Phänomen trotz kompliziertem Namen leicht erkennbar: das Pferd will nicht mehr zubeissen, selbst wenn Apfel oder Karotte noch so knackig sind. Speichelfluss oder übler Mundgeruch sind ebenso Anzeichen von EOTRH wie entzündetes Zahnfleisch rund um die Schneidezähne. Was genau zu EOTRH führt, konnte Natalie Bearth nicht sagen, weil es dazu bisher keine wissenschaftlich fundierte Erkenntnisse gibt. Es werden verschiedene Faktoren vermutet, die ursächlich für die Zahnerkrankung sind. Einerseits gibt es den biomechanischen Ansatz, weil im Alter die Zähne des Pferdes kürzer sind, was den Zug auf den Zahnhalteapparat erhöht. Andererseits wird auf Bakterien fokussiert, die die zahnabbauenden Zellen aktivieren könnten. Und womöglich könnte ja auch das Futter mit entscheidend sein - so wie bei uns Menschen Zucker die Karies begünstigt. Auch wenn es zur Entstehung von EOTRH noch viele offene Fragen gibt, konnte Nathalie Bearth einige Antworten geben: 60.9% ihrer mittels CT untersuchten Studienpferde zeigen Anzeichen von EOTRH, nur 4% der Pferde mit EOTRH an Schneide- und Eckzähnen haben auch betroffene Backenzähne, Unterschiede zwischen Stuten und Wallachen gibt es nicht. Und die Zahnwinkelung hat definitiv keine Korrelation mit EOTRH.


Eine neue Wunderdroge vermochte ebenso wenig Corsin Heim aus dem Hut zaubern. Er hat sich an der Pferdeklinik der Universität Zürich auf Sehnenerkrankungen spezialisiert, deren Behandlung seit Jahrzehnten immer die gleiche ist: kühlen, stabilisieren, pausieren. Denn markante Fortschritte wie in der Chirurgie, wo heutzutage praktisch jeder Bruch geschraubt und repariert werden kann, gibt es in Bezug auf die Behandlung von Sehnenerkrankungen nicht - oder hat sie zumindest bisher nicht gegeben. Nun aber macht sich Heim die Entdeckung von Genipin zunutze. Das ist eine chemische Verbindung aus einem Fruchtextrakt von Pflanzen, die als Stabilisator in den Kollagenfasern, den feinsten Bestandteilen von Sehnen, genutzt werden kann. Genipin wirkt wie Querstreben, die einer Sehne, einem dicken Bündel von vielen Kollagenfasern, deutlich mehr Halt geben. Das wurde in der orthopädischen Biomechanik-Forschung an der Universitätsklinik Balgrist herausgefunden, und diese Erkenntnis aus der Humanmedizin macht sich Corsin Heim nun für die Veterinärmedizin zunutze. Das Genipin wird in die entzündete Sehne gespritzt und führt gemäss den bisherigen Erkenntnissen beim Pferd zu einer rund 20 % Verbesserung der mechanischen Belastbarkeit. Dass Genipin dereinst auch prophylaktisch verwendet wird, glaubt Heim indes nicht. Bei gesundem Gewebe sei die Wirkung weit weniger markant, da dieses, weil gesund, kaum weiter optimiert werden kann.


Verbesserungspotential sieht derweil Eliane Marti beim Verständnis der Immunmechanismen beim Entstehen von Sommerekzem. Sie will mit ihrer Studie an der Vetsuisse-Fakultät der Universität Bern eine vorbeugende Allergenimmuntherapie gegen Sommerekzem entwickeln und die Immunantwort der immunisierten Pferde verfolgen. Denn dadurch lässt sich besser verstehen, wie sich eine Allergie entwickelt und mit

welchen Methoden das Auftreten von Allergien verhindert werden kann. Dafür wurden in einem Projekt mit dem Institut für experimentelle Pathologie in Keldur (Universität von Island, Reykjavik) 27 Pferde in Island immunisiert und anschliessend in die Schweiz importiert. Die Pferde bekommen jährlich eine Impfung, werden regelmässig untersucht und ihnen werden Blutproben entnommen, um immunologische Parameter zu bestimmen. Da Sommerekzem aber meistens erst im 2. oder 3. Sommer nach Import ausbricht, wird sich erst Ende 2022 zeigen, ob die Impfung zu einer Abnahme

der Häufigkeit von Sommerekzem führt.


Bereits früher, nämlich schon im Herbst 2021, wird es wieder Wissenswertes aus der Wissenschaft zum Wohl des Pferdes geben. Angesichts der regen Resonanz auf das erste Webinar will Gabriele Schmid vom Vereinsvorstand Pro Pferd zusammen mit Anton Fürst ein weiteres Onlineseminar anbieten. Und wer weiss: Womöglich ist dann ja auch wieder eine physisch durchgeführte Weiterbildung möglich.


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