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Der Sanfte Riese Gandalf

vor 2 Tagen
4 Min. Lesezeit

Aktualisiert: vor 1 Tag

Im Hintergrund Pferde auf dem Paddock, im Vordergrund ein Tierazt mit einer Spritze, parat zum Impfen

 

Als akuter Notfall wird Gandalf im Tierspital Zürich vorgestellt. Vielen im Departement für Pferde ist der weisse Shire Horse Wallach bereits ein Begriff – nicht nur wegen seiner Strahlkrebs-Erkrankung. Gandalf hat ein unverwechselbares Aussehen und erobert Herzen mit seinem gutmütigen Wesen.


An diesem Sommertag geht es nicht um die Hufe des rund 700 Kilogramm schweren Shire Horse mit wallender Mähne und ausgeprägtem Behang. Wegen einer schweren Kolik wird Gandalf als Notfall im Tierspital Zürich vorgestellt. Der zwölf Jahre alte, ruhige und umgängliche Riese befindet sich in einem deutlich reduzierten Zustand: Er hat starke Schmerzen, Herz- und Atemfrequenz sind erhöht, Darmgeräusche fehlen. Zudem blutet eine Nüster – eine Folge der Nasenschlundsonde, die der Haustierarzt zur Erstversorgung gelegt hat. Die Untersuchung ergibt einen dringenden Verdacht auf eine Dünndarmproblematik, möglicherweise eine Strangulation. Trotz hoch wirksamer Schmerzmittel bessert sich Gandalfs Zustand nicht. Das Team empfiehlt eine Kolikoperation. Für die Besitzerin ist sofort klar: Gandalf ist Familienmitglied – es soll nichts unversucht bleiben, um sein Leben zu retten.



Jede Minute zählt

Vor der Narkose wird die blutende Nasenhälfte mit einer Tamponade versorgt. Gandalf erhält die notwendigen Medikamente und wird zügig in den OP gebracht – jetzt zählt jede Minute. Trotz erhöhtem Narkoserisiko bei seiner Körpergrösse verläuft die Operation gut. Der Anfangsverdacht bestätigt sich nicht: Statt einer Strangulation finden die Chirurgen eine etwa einen Meter lange Anschoppung von Darminhalt im Dünndarm sowie eine Verlagerung von Teilen des Dickdarms. Beides lässt sich korrigieren, ohne Dünndarmstücke entfernen zu müssen – für die weitere Prognose eine deutlich bessere Ausgangslage. Auch das Aufstehen nach der Narkose gelingt dem sanften Riesen ohne Zwischenfälle.




Zurück in der Box beginnt die kritische Phase der intensiven Nachbetreuung. Gandalf wird engmaschig überwacht: regelmässige Untersuchungen, Blutkontrollen, Infusionen, Antibiotika und Schmerztherapie. Zur Standardbehandlung nach einer Kolikoperation gehört auch, mehrmals täglich eine Nasenschlundsonde zu legen, um zu prüfen, ob sich «Reflux» bildet – also Mageninhalt, der sich zurückstaut, wenn der Darm noch nicht wieder richtig arbeitet. Weil Pferde nicht erbrechen können, muss der Magen bei Reflux regelmässig entleert werden, sonst droht im schlimmsten Fall ein Riss der Magenwand.


Leider entwickelt Gandalf einen sogenannten postoperativen paralytischen Ileus – der Darm steht vorübergehend still. Alle drei Stunden werden bis zu 16 Liter Mageninhalt abgelassen. Dieser Flüssigkeitsverlust muss über Infusionen ausgeglichen werden; bei einem 700‑Kilo‑Pferd eine zeitliche und finanzielle Herausforderung. An einzelnen Tagen sind mehr als 150 Liter Infusionslösung nötig. Zusätzlich erhält Gandalf eine Dauertropfinfusion mit einem Medikament, das die Darmbewegungen anregt. Es sind

bange Stunden, in denen das Team und die Familie eng zusammenstehen und um jedes kleine Zeichen der Besserung kämpfen.


Als wäre das nicht genug, entwickelt er Fieber. Die weissen Blutkörperchen sinken, die Entzündungswerte gehen nach oben. Mögliche Ursachen reichen von einer Bauchfellentzündung bis zu einer Virusinfektion. Zum Schutz der anderen Patienten wird Gandalf vorübergehend isoliert. Eine Infektion mit dem Equinen Herpesvirus kann zum Glück ausgeschlossen werden, ebenso eine Peritonitis (Bauchfellentzündung). Mit fortgesetzter Antibiotikatherapie und Flüssigkeitsgabe stabilisiert sich sein Zustand – nach einer Woche gibt es endlich vorsichtigen Aufwind: Die Quarantänestation darf er verlassen, er zieht in eine normale Box um. Medikamente und Infusionen können schrittweise reduziert werden, kleine Mengen Heu sind wieder erlaubt, und kurze Spaziergänge stehen neu auf dem Programm. Nicht vergessen geht dabei seine Strahlkrebs-Erkrankung am linken Hinterbein. Wegen dieser war Gandalf bis Mitte Juli stationär in der Pferdechirurgie des Tierspitals behandelt und dann zur weiteren Therapie nach Hause entlassen worden.



Während des jetzigen Aufenthalts wird die Hufbehandlung selbstverständlich fortgeführt. «Strahlkrebs» ist übrigens kein echter Krebs, sondern eine chronisch entzündliche Veränderung des Hufhorns, die blumenkohlartig wuchern kann – daher der Name. Die Therapie ist oft sehr langwierig und besteht vor allem darin, krankhaft verändertes Horn konsequent zu entfernen und den Bereich immer wieder lokal mit desinfizierenden und zündungshemmenden Lösungen zu versorgen.


Lohnender Einsatz

Zwei Wochen nach der Operation scheint die Entlassung greifbar. Doch am Morgen der geplanten Abholung zeigt Gandalf erneut Koliksymptome. Diesmal kann konservativ behandelt werden: Schmerzmittel, Infusionen und die Gabe von Abführmitteln über die Sonde bringen den Darm wieder in Schwung. Nach der anfänglichen Fastenphase wird die Fütterung von Heu auf eingeweichte Heucobs umgestellt. Auffälliges Gähnen und Unwohlsein deuten zusätzlich auf Magengeschwüre hin; eine Magenspiegelung bestätigt den Verdacht. Eine Magenschutztherapie wird begonnen. Unter dieser Therapie und mit der angepassten Fütterung geht es bergauf. Nach insgesamt 23 Tagen im Tierspital kann Gandalf bei gutem Allgemeinbefinden nach Hause zurückkehren.


Heute geniesst Gandalf sein Leben wieder – Seite an Seite mit einem weiteren Shire Horse – bei seiner Familie auf dem Hof. Sein ruhiger Blick und sein unerschütterliches Vertrauen erinnern daran, weshalb sich der Einsatz gelohnt hat. Diese umfassende Therapie Gandalfs ermöglicht hat auch der Notlagefonds am Tierspital Zürich, der von der Stiftung Pro Pferd treuhänderisch verwaltet wird (siehe Kasten auf der linken Seite). Der Fonds übernahm einen Teil der Behandlungskosten. Dafür sind die Familie sowie das betreuende Team am Tierspital zutiefst dankbar. Und – so stellen wir es uns vor – sicherlich auch der sanfte Riese Gandalf.



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