Verlässlicher Schutz

Vorbeugende Impfung als Ziel gegen die Plaggeister des Sommers


So schön die warme Sommerzeit auch ist, so anstrengend kann sie für uns und unsere Pferde werden. Besonders schwül-warmes Wetter und Gewitterregen begünstigen die Vermehrung von blutsaugenden Parasiten wie Gnitzen, Stechmücken oder Bremen. An Waldrändern und in der Nähe von Gewässern werden die geflügelten Plagegeister geradezu zur Qual. Von Kohlenstoffdioxid, das ausgeatmet wird, von Körperwärme und dem Geruch von Schweiss angezogen, sind die Insekten nämlich mehr als nur eine Plage. Ihre Stiche können beispielsweise zu Sommerekzem führen, einem starken Juckreiz, bedingt durch eine allergische Reaktion. Auch gefährliche Partikel werden durch die Blutsauger übertragen, so das West-Nil-Virus, das in extremis zum Tod führen kann.

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Vorbeugende Impfung als Ziel

Das Sommerekzem ist eine Allergie, die in Kombination mit genetischen Komponenten und Umwelteinflüssen durch Speichelproteine von Insekten der Gattung Culicoides (Gnitzen oder Bartmücken) hervorgerufen wird. Nur die befruchteten weiblichen Mücken sind gefährlich, weil sie eine Blutmahlzeit zur Bildung von Eiern benötigen. Die wenige Millimeter kleinen Mücken kommen fast weltweit vor – nicht aber auf Island. Deshalb ist das Sommerekzem unter Islandpferden nicht zu finden. Werden Isländer aber nach Europa und beispielsweise in die Schweiz exportiert, können auch sie in ihrer neuen Heimat von der Allergie betroffen sein. Als Abwehr auf den Stich bildet das Immunsystem des Pferdes bestimmte Proteine, die Juckreiz auslösen. Das Pferd beginnt sich erst zu kratzen, dann treten körperliche Symptome auf: kleine Beulen an den Einstichstellen am Mähnenkamm, kahl gescheuerte Stellen an der Schweifrübe, offene und nässende Wunden, die sich wiederum mit Bakterien infizieren.


An der Vetsuisse Fakultät der Universität Bern ist Eliane Marti daran, eine vorbeugende Allergenimmuntherapie (AIT) gegen das Sommerekzem zu entwickeln und die Immunantwort der immunisierten Pferde zu verfolgen. So soll verstanden werden, wie eine Allergie entsteht und mit welchen Methoden sie verhindert werden kann, was wiederum zu einer präventiven Impfung und zu einer wirkungsvollen Behandlung von Sommerekzemen führen soll. Denn bisher wird primär versucht, die allergische Überreaktion auf den Mückenstich zu unterdrücken – sei es mit Kortison, mit Salben, Tabletten oder durch eine homöopathische Behandlung, die den Stoffwechsel in der Haut fördert und den Juckreiz mindert.


Doch all dies ermöglicht bloss, denn Teufelskreis aus Jucken-Kratzen-Jucken zu unterbrechen. Eine dauerhafte Lösung gegen das Sommerekzem ist es nicht. Deshalb ist die wissenschaftliche Bearbeitung des Themas für das Wohlbefinden der Pferde wichtig und deshalb wird das Projekt von Eliane Marti durch Pro Pferd unterstützt (Projekt 2020–12). In Zusammenarbeit mit der Universität von Island hat Marti 27 Pferde in Island mit neun Culicoides-Allergenen immunisiert und anschliessend in die Schweiz gebracht. Die Pferde, die hier für gewöhnlich im zweiten oder dritten Sommer nach dem Import ein Ekzem entwickeln, werden nun regelmässig klinisch untersucht, ihnen werden Blutproben entnommen und jährlich bekommen sie eine Booster-Impfung. So kann die

Immunantwort der Pferde verfolgt werden. Freilich mussten dafür erst spezifische Parameter bestimmt und immunologische Tests etabliert werden. Diese komplexen Prozesse (Bestimmung der Anzahl eosinophiler Granulozyten im Blut / Cellular Antigen Stimulation Test CAST / Serologie / Vergleich des Transkriptoms von Blutzellen von Pferden mit und ohne Sommerekzem vor und nach Allergenstimulation) beschreibt Eliane Marti im aktuelle Jahresbericht von Pro Pferd. Im weiteren Verlauf ihres Projektes will sie nun ermitteln, wie sich gesund gebliebene Pferde von Pferden unterscheiden, die ein Sommerekzem entwickelt haben.


West-Nil-Virus als Bedrohung

Im Gegensatz zum Sommerekzem ist die West-Nil-Virus-Infektion beim Pferd in der Schweiz (noch) nicht verbreitet und damit wenig bekannt. Das West-Nil-Virus (WNV) gehört zur Gruppe der Flaviviren und zirkuliert normalerweise zwischen Stechmücken und Vögeln. Doch eine mit WNV infizierte Steckmücke kann das Virus bei einer Blutmahlzeit auch auf Pferde und Menschen übertragen. Diese selber können das Virus dann zwar nicht mehr weiterverbreiten aber an der Infektion erkranken – auch sehr schwer. Bei etwa zehn Prozent der mit WNV infizierten Pferde sind neurologische Symptome nachgewiesen, in rund 30 bis 40 Prozent dieser Fälle führten diese zum Tod. An der veterinärmedizinischen Universität in Wien ist Phebe de Heus in einem von Pro Pferd unterstützten Projekt (2021–05) daher auf der Suche nach einem besseren Impfschutz gegen das bedrohliche West-Nil-Virus. Bei Pferden sind bereits drei Impfstoffe zugelassen, die Schutz bieten. Deren Immunantwort ist allerdings nicht umfassend untersucht. So will de Heus beispielsweise klären, ob eine heterologe Booster-Impfung (mit einem anderen Impfstofftyp als bei der Erstimpfung) zu einer besseren Immunantwort führt als die wiederholte Impfung mit demselben Impfstoff.


Sicherlich: Gegen die Plagegeister des Sommers kann mit Sprays, Decken, Mückenschutz und mit Mückenfallen vorgegangen werden, zudem ist ein gezieltes Management sinnvoll, weil die Insekten vornehmlich in der Dämmerung, nachts und in Wald- oder Wassernähe fliegen. Der Weg zu einem verlässlichen Schutz führt indes einzig über die wissenschaftliche Forschung. Weil sie die Daten generiert, die für die veterinärmedizinische Praxis und damit das Wohlergehen der Pferde von grösster Relevanz sind.

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